Veranstaltungstipp Leipzig: Das Lackballett

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Text: Ann-Elisabeth Wolff / Material der Compagnie
Mitarbeit: Helene Mager, Elena Ippendorf

Das Stück // Oskar Schlemmer (1888-1943), Maler, Bildhauer und Bühnenbildner, war einer der wichtigsten Künstler am Bauhaus in Weimar und Dessau. Ab 1933 erhielt er Berufsverbot. Der Chemiker und Unternehmer Kurt Herberts ließ ihn und weitere durch die Nationalsozialisten als „entartet“ gebranntmarkte Künstler heimlich in seinem Lacklabor in den Farbwerken Herberts in Wuppertal arbeiten. Hier entstand auch „Das Lackballett“, welches nur einmal, am 06.12.1941 anlässlich des 75. Firmenjubiläums, aufgeführt wurde. Nach 77 Jahren der Stille nahm das Düsseldorfer Theater der Klänge aus Anlass des 100jährigen Bauhaus-Jubiläums den verborgenen Schatz erstmals wieder auf. Die überlieferten sechs Figurinen wurden neu interpretiert.

Die euro-scene Leipzig zeigte 2017 „Das Triadische Ballett“ (1922) nach Oskar Schlemmer in der Choreografie von Gerhard Bohner mit dem Bayerischen Juniorballett München.

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Theater der Klänge, Düsseldorf
„Das Lackballett“
Tanzstück nach Oskar Schlemmer
Inszenierung und Komposition: J. U. Lensing
Choreografie: Jacqueline Fischer
Foto: Thomas von der Heiden, Düsseldorf
© euro-scene Leipzig 2019

Theater der Klänge // Das Theater der Klänge wurde als intermediales Musik- und Tanztheater 1987 in Düsseldorf gegründet. Es widmet sich dem zeitgenössischen Tanz und bringt pro Jahr ein neues Stück heraus, das nach der Premiere stets auch auf Tournee geht. Dem Theater gehören ein künstlerisches Betriebsbüro, hauseigene Werkstätten sowie ein Probenstudio an. Es führt seine Produktionen immer an einem dafür geeigneten Veranstaltungsort in Düsseldorf auf (u. a. FFT, Capitol Theater, tanzhaus nrw). Das Theater der Klänge ist weltweit das einzige Ensemble, das sich seit über 30 Jahren maßgeblich immer wieder mit der historischen Bauhausbühne und der Weiterführung von dessen Theater- und Tanzansätzen beschäftigt hat.

Seit 1993 arbeitet das Theater kontinuierlich neben Computer- und Videoprojektionen an der Entwicklung einer elektronisch interaktiven Tanzbühne, auf der die Tänzer*innen über Bewegungssensoren selbst aktiv auf die Klang- und Videogestaltung Einfluss nehmen können. U. a. bei den Stücken „Figur und Klang im Raum“ (1993), „Modul|a|t|o|r“ (2002), „PCI“ (2004), „HOEReographien“ (2005), „Suite intermediale“ (2009/10) und „Das Lackballett“ (2019) kam diese bisher zum Einsatz. Seit 1997 erweitert das Theater der Klänge seine Arbeit auf medialer Ebene und publizierte zwei Bücher, fünf Videodokumentationen, vier DVDs, drei Bühnenmusik-CDs sowie drei Hörbücher.

Oskar Schlemmer / Konzeption und Kostüme // Oskar Schlemmer wurde 1888 in Stuttgart geboren. Er war Maler, Bildhauer, Tänzer, Choreograf, Regisseur, Pädagoge und Dichter. 1920 wurde er von Walter Gropius ans Bauhaus in Weimar berufen, wo er umfangreiche Aufgaben und Lehrverpflichtungen übernahm. 1925 übersiedelte das Bauhaus nach Dessau, wo Oskar Schlemmer die Bauhausbühne leitete. Wegweisend war für ihn der interdisziplinäre Ansatz des Bauhauses. Seine besondere Leistung lag in der Erneuerung des Menschenbilds nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus wurde Oskar Schlemmer als „entartet“ stigmatisiert. Nach langer Krankheit starb er 1943 in einem Sanatorium in Baden-Baden.

Im Herbst 1940 siedelte Schlemmer nach Wuppertal über, wo er in den Farbwerken des Lackfabrikanten Dr. Kurt Herberts die künstlerische Verwendung von Lackfarben erprobte. Anlässlich des 75. Betriebsjubiläums am 06.12.1941 schuf Schlemmer „Das Lackballett“, das von Tänzerinnen aus der betriebseigenen Gymnastikgruppe im Wuppertaler Concordia-Saal in seinen figurenhaften Kostümen aufgeführt wurde.

An den Kostümkonstruktionen aus farbig lackierten Pappen, Bällchen und Stäben wirkte der Bruder von Oskar Schlemmer, Carl Schlemmer, mit. Diese wurden über schwarzen Trikots getragen und vor einem schwarzen Vorhang präsentiert, so dass nur die Kostüme im Scheinwerferlicht zur Geltung kamen. Die Choreografie und weitere Aufzeichnungen zum letzten Bühnenwerk von Oskar Schlemmer sind heute, abgesehen von zwei Briefen, einigen Farbaquarellen und Fotografien, nicht mehr erhalten.

Nach der Aufführung schrieb Schlemmer an seine Frau Tut:

„Das Fest ist verrauscht. Das Tänzchen ‚Reigen in Lack‘ dauerte etwas mehr als drei Minuten, nach einer Sarabande von Händel, langsam und getragen. Sechs Damen, jede ein anderes Kostüm aus Glaskugeln, Bierdeckeln, Pappformen etc. Sie machten es recht und schlecht. Mehr wäre gar nicht möglich gewesen. Der Reigen gefiel Dr. Herberts sehr; er wünschte, dass die Kostüme erhalten bleiben, um gelegentlich nochmals gezeigt zu werden. Auch in der Zeitung genannt: ‚von einzigartigem Reiz‘. Die Gebildeten waren sehr angetan, der einfache Mann fragt: ‚Was soll das bedeuten?‘ Aber das ist das Schicksal der Dinge.“

Oskar Schlemmer: Brief an Tut Schlemmer, Wuppertal, 09.12.1941

 

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Theater der Klänge, Düsseldorf
„Das Lackballett“
Tanzstück nach Oskar Schlemmer
Inszenierung und Komposition: J. U. Lensing
Choreografie: Jacqueline Fischer
Foto: Oliver Eltinger, Düsseldorf
© euro-scene Leipzig 2019

J. U. Lensing / Inszenierung und Komposition // Jörg Udo Lensing, geboren 1960 in Düsseldorf, ist Komponist, Theaterregisseur und Professor für Tongestaltung und Sound-Design. Von 1981-87 studierte er Komposition an der Folkwang-Hochschule Essen. 1987 war er Meisterschüler für Neues Musiktheater bei Mauricio Kagel an der Hochschule für Musik Köln. 1992 wurde J. U. Lensing Gastdozent der „1. internationalen Bühnenklasse“ am Bauhaus Dessau. Seit 1996 ist er als Professor für Tongestaltung / Sounddesign an der Fachhochschule Dortmund tätig. Kernbereiche seiner Lehre sind neben dem Film-Sounddesign auch angewandtes Sounddesign. Im Rahmen seiner Lehre arbeitet er eng mit Firmen und Instituten, Museen und Planetarien sowie Fachleuten aus verschiedenen Branchen zusammen.

1987 gründete J. U. Lensing das Theater der Klänge in Düsseldorf. Er ist bis heute für Autorenschaft und Inszenierung fast aller Projekte des Theaters der Klänge verantwortlich, wobei ihm meist Thomas Neuhaus (Komposition) und Jacqueline Fischer (Choreografie) zur Seite stehen. Heute arbeitet er sowohl als Komponist und Hörspielmacher als auch als Theater- und Filmregisseur, als Lehrender, Referent, Autor sowie als Übersetzer von englischer und französischer Fachliteratur.

Darüber hinaus ist er seit 1988 auch für Kompositionen von Filmmusik und Sounddesign zu zahlreichen Filmen, insbesondere des Regisseurs Lutz Dammbeck, verantwortlich, u. a. „Herakles Höhle“ (1990), „Zeit der Götter“ (1992) und „Overgames“ („Überspielungen“, 2015).

Jacqueline Fischer / Choreografie // Jacqueline Fischer, geboren 1965 in Alexandria / Ägypten, erhielt ihre tänzerische Ausbildung an der Aides Danse Ballettschule in Lyon, dem Geneva Dance Center, Genf, und an der Folkwang-Hochschule Essen. 2000 absolvierte sie ihr Studium in Pädagogik am Centre National de Danse in Paris. 1987 war sie Gasttänzerin im Wuppertaler Tanztheater von Pina Bausch. Von 1990-93 tanzte sie als Mitglied im Ballets Atlantique von Régine Chopinot in La Rochelle. Heute arbeitet sie als freie Choreografin und Tanzpädagogin und seit 1987 mit dem Theater der Klänge.

Aufführungstermine:
Mittwoch, 06. November 2019, 19.30 Uhr
Donnerstag, 07. November 2019, 19.30 Uhr 

Location:
Theater der Jungen Welt (Großer Saal)
Lindenauer Markt 21, 04177 Leipzig

Informationen und Kontakt:
euro-scene Leipzig (homepage)
Gottschedstraße 16, 04109 Leipzig

Blogartikel:
euroscene Leipzig 2019: Parallelwelten