Local Dance (4): Betty Pabst

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Local Dance – Auf der Suche nach tänzerischen Fußabdrücken

Diese Kategorie steht ganz im Zeichen von Begegnung & Bewegung, denn hier möchte ich mir bekannte und (noch) unbekannte Menschen aus Leipzig und anderswo vorstellen, die auf ihre ganz persönliche Art & Weise einen tänzerischen Fußabdruck in den Weiten der fortwährenden Tanzwelt hinterlassen.

HEUTE: Betty Pabst (Leipzig)

 

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Betty Pabst, Jahrgang 1976, geboren in Ostberlin und aufgewachsen in Stralsund, zog nach der Wende im Schlepptau ihrer Eltern nach Bremen, war zwischendurch hier & dort und lebt seit 2004 in Leipzig. Unser beider Wege kreuzten sich im Februar 2019 bei einem Fotoshooting mit Tänzer*innen für die Neuauflage des Buches ”Choreographie – Handwerk und Vision”  um den Part „SOLO im zeitgenössischen Tanz – Choreographie und Entwicklung – Figurenarbeit“(von Konstantin Tsakalidis) in der Tanz-Zentrale Leipzig (Plagwitz).

Eigentlich war ich an jenem T ag vor allem interessiert am organisatorischen und technischen Setting eines solchen Termins. Daher saß ich zunächst äußerlich passiv, aber innerlich recht schnell von der Atmosphäre infiziert, am Rande des Raumes. Es war dann dieses Zusammenspiel zwischen den Akteuren vor und hinter der Kamera, welches mich spontan dazu brachte, selbst Aufnahmen zu machen. Quasi als Beobachterin aus der zweiten Perspektive und über die Schulter der immer einen Hauch von mittanzenden Leipziger Fotografin hinweg. So ergaben sich an jenem Tag ganz wunderbare Momente, in denen ich in das gleichermaßen konzentrierte wie auch leichtfüßige Studiogeschehen eintauchen konnte.

Ein paar Tage später verabredeten Betty und ich uns zu einem längeren Gespräch am Ort ihres vor- und nachbereitenden, foto(grafischen) Wirkens, einer gemeinschaftlichen Arbeitsstätte über dem Neuen Schauspiel Leipzig.

 

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Betty Pabst bei Studioaufnahmen mit der Tänzerin Johanna Uhle

Betty, tanzt du eigentlich selbst und wie ist deine Beziehung zur Tanzfotografie?

Schon früher habe ich in Theatergruppen gearbeitet und viel mit Tanz, Körperausdruck und Performance gemacht. Das war immer  ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben. Seit ein paar Jahren tanze ich Flamenco und bin da jetzt  „hängengeblieben“. Zum einen, weil ich eine ganz tolle Lehrerin habe (Anmerkung: Silvia Jiménez vom Tanzstudio „Varadanza“), mit der es sehr viel Spaß macht. Zudem begeistert mich diese Mischung aus den verschiedenen Techniken und dem vielen Rhythmus. Gerade diese Musik ist so sehr speziell. Das sind so abgefahrene, ungewohnte Rhythmen … Gleichzeitig ist der Flamenco ja auch ein sehr emotionaler Tanz. All dies zusammen hat mich irgendwie total gepackt und da bin ich gerade sehr glücklich mit.

Bei der Tanzfotografie merke ich so richtig: Oh, ich bin in meinem Element. Auch wenn ich mich natürlich nicht so bewegen kann wie die Tänzer*innen, die ich da fotografiere, aber trotzdem kann ich dem so nachspüren …

Ja das sieht man auch, wenn man dich bei dieser Art von fotografischer Arbeit beobachtet … 

… wenn ich Tanz fotografiere oder überhaupt Menschen, die in Bewegung sind, versuche ich, die Bewegung schon so ein bisschen wie vorweg zu nehmen. Ich glaube, dass ich mich dafür gefühlt in diese Bewegung rein begebe. Wenn ich z.B. ein Stück fotografiere, dann finde ich es immer toll, wenn ich es vorher einmal gesehen habe. Natürlich kann man Bewegungen, die man nicht kennt, nicht wirklich vorwegnehmen. Aber ich glaube, in dem Moment, wo ich mich selber da so reinfühle, bekomme ich ein Gefühl für den richtigen Moment, an dem  eine Bewegung auf ihrer Spitze ist.

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Solotanz Johanna Uhle, Foto © Betty Pabst 2019

Du hast während des Fotoshootings im Studio 2 der Tanz-Zentrale ja auch viel experimentiert. Was machst du denn sonst so im Bereich der Tanzfotografie?

Naja, eigentlich bin ich ja von meinem Ursprung her nicht auf Tanzfotografie spezialisiert. Was ich unheimlich gern mache und was ich auch kann ist, Menschen in ihren Kontexten zu fotografieren. Und wenn das dann auch noch Kontexte sind, mit denen ich selber ganz viel anfangen kann, dann fällt mir das in gewisser Weise auch leicht. So ist es auch mit der Tanzfotografie: Da merke ich schon, dass ich da gern auch mehr machen würde. Gerade auch, weil ich hier das Gefühl habe, dass da viele Punkte in meinem Leben zusammenkommen.

Und trotzdem ist es bei mir auch so, dass ich nicht einfach Tänzer und Tänzerinnen als reine Dienstleistung fotografieren möchte, sondern dass ich es in der Zusammenarbeit spannend finde, Dinge technisch auszuprobieren, also zu experimentieren. Es ist ja gar nicht so einfach, eine ganz bestimmte Bewegung in einem Bild festzuhalten, weil das ja immer nur diese Trillisekunde von Moment ist. Und gerade hierauf habe ich Lust: Das Schwierige rein fotografisch zu lösen.

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Betty Pabst bei Studioaufnahmen mit dem Tänzer Vladimir Golubchyk

Hast du eigentlich schon in frühen Jahren angefangen zu fotografieren bzw. gab es da einen besonderen Einfluss auf dich?

Na, mein Papa hat halt total viel mit seiner alten Praktika fotografiert. Wenn er die Bilder entwickeln wollte, wurde in unserer winzigen Wohnung das Bad abgedunkelt und dann mussten wir immer bei den Nachbarn aufs Klo gehen. Mir ist das erst im Nachhinein aufgefallen, was ich eigentlich für schöne Kinderbilder von meinem Vater habe …

Ich hatte zwar auch schon ganz früh eine eigene Kamera, aber das war eher so: Das hab’ ich halt gemacht, richtig dolle interessiert hat es mich jedoch nicht wirklich. Mit 18 bin ich dann – nach der Schule (1995/1996) -als AuPair nach Südafrika gegangen. Dort habe ich mich irgendwie total gelangweilt und als mich meine Eltern dort besuchten, hat mein Vater mir seine gesamte Praktikaausrüstung mit ganz vielen Objektiven und Filtern mitgebracht. Von da an bin ich in Johannesburg immer in die Bibliothek gegangen und habe mir Fotografiebücher geholt.

Ich hatte damals wirklich viel Zeit, weil ich durch die Familie, bei der ich gewohnt habe, nicht ausgelastet war. Und da ich aus dem Vorort von Johannesburg auch nicht wirklich wegkam, musste ich mir irgendwie eine Beschäftigung suchen, weshalb ich anfing, ganz gezielt und viel zu experimentieren. Ich weiß noch, dass ich meine ersten Schärfe/Unschärfe-Übungen an den Gitterstäben des Sicherheitstores der Gastgeber-Familie gemacht habe.

Na ja und dann bin ich auch viel in die südlichen Länder von Afrika gereist, bis irgendwann mal ein Mitreisender mich fragte: „Sag’ mal, du fotografierst so viel. Warum machst du das nicht zu deinem Beruf?“ Und mit dieser Idee im Kopf bin ich nach Bremen zurück und habe dort die Berufsausbildung zur Fotografin gemacht.

Das war aber leider so ein totales Ausbeuterverhältnis … Ich weiß noch, mein erster Tag in diesem Fotostudio: Mein Ausbilder hatte mir schon bei der Vertragsunterzeichnung den Schlüssel gegeben und dann kam ich da an und es standen schon die ersten zwei Kunden vor der Tür. Ich wusste nicht mal, wo der Lichtschalter ist und musste dennoch sofort diese Kunden bedienen. Ich war aber irgendwie auch zu schüchtern, als dass ich einfach gesagt hätte: Ich bin die Auszubildende und habe selber keine Ahnung. Also tat ich ein bisschen so, als ob … Naja, jedenfalls konnte ich meine Ausbildung auf zwei Jahre verkürzen, weil ich da wirklich zeitweise den ganzen Laden geschmissen habe …

Nach der Ausbildung (1998) ging ich dann wieder zurück nach Johannesburg, wo ich ja immer noch Freunde hatte und zudem von dieser Fotoschule des Market Theatre (Market Photo Workshop) wusste. Das ist eine ganz spannende Institution, die David Goldblatt, ein südafrikanischer Fotograf, 1989 mit dem Hintergrund gegründet hat, benachteiligten schwarzen Jugendlichen aus den Townships einen Beruf, den sie schnell lernen und ausüben können, zu vermitteln. Zu Apartheidzeiten war ja das Bildungssystem in Südafrika extrem schlecht für alle die, die nicht weiß waren.

Diese Fotoschule gibt es auch heute noch. Das war damals auch so ein totaler Zufall. Also ich bin da rein und die damalige Leiterin Candice sagte zu mir: „Wir bauen gerade ein Fotostudio auf, da kannst du mithelfen.“ Und da habe ich dann damals mit John Fleetwood, der zwischenzeitlich Leiter vom Market Photo Workshop war, zusammengearbeitet: Er unterrichtete die Gruppe und ich habe mit den Teilnehmenden dann immer praktisch geübt.

Auch als das Projekt schon längst vorbei war, war das trotzdem immer noch so ein Ort, wo ich total gern hinging. Das war eine ganz prägende Zeit. Vor allen Dingen, weil das Market Theatre und alles, was damit in Verbindung stand (inklusive der Fotoschule) damals so einer der wenigen Orte in Johannesburg war, wo sich alle Bevölkerungsgruppen trafen. Dort herrschte eine unheimlich freie, schöne Atmosphäre. Und ich habe das auch immer als einen sehr starken Gegenpol zu dem erlebt, was ich sonst so in Südafrika für soziale Kontakte hatte.

So meine ersten Freunde in Südafrika waren fast alles Weiße. Auch irgendwie coole Menschen dabei und tolle Typen. Aber ich habe damals auch immer wieder die Erfahrung machen müssen, dass ich Menschen traf, die mir erstmal sehr sympathisch waren und die mir gegenüber auch sehr herzlich und offen waren, aber wo sich sehr schnell herausstellte, dass sie zutiefst rassistisch denken und handeln. Das fand ich natürlich total schwierig.

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Die Leipziger Fotografin Betty Pabst

Dieser Ort, den du da beschreibst, klingt wie eine Oase mitten in der Stadt … eigentlich gar nicht möglich und dennoch möglich …

… ja so habe ich das auch immer empfunden. Selbst zu Apartheidzeiten war er irgendwie geduldet, obwohl es ja total strenge Gesetze gab, wo sich welche „rassifizierten“ Gruppen bewegen durften oder wo nicht. Aber das Market Theatre war schon immer so ein Ort, wo sich alle begegnet sind. Da bin ich wirklich total dankbar für, dass ich da so reingerutscht bin.

1999 bin ich dann wieder zurück nach Deutschland und aus privaten Gründen nach Frankfurt/Main gegangen. Da war ich dann ein Jahr lang feste Assistentin bei einer Modefotografin, wo es um Mode und klassische Werbung ging. Ich habe dort super viel gearbeitet, aber auch extrem viel gelernt. Die Fotografin war sehr experimentell: Sie hat unheimlich aufwändige Shootings gemacht und überdies viel frei fotografiert, wo dann z.B. verschiedene Lichtkonstellationen ausprobiert wurden. Das war toll und ich würde fast sagen, das war so die Zeit, wo ich technisch am meisten gelernt habe.

Naja und dann habe ich noch eine ganze Weile frei für verschiedene Fotograf*innen assistiert, Das war wirklich auch eine schöne Zeit, wo ich ebenfalls viel gelernt habe. Auch darüber, wo ich eigentlich so hin will, was mich so interessiert und was zudem technisch so alles möglich ist.

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Solotanz Miriam Arbach, Foto © Betty Pabst 2019

Gab es Fotografen, die dich im Besonderen inspiriert haben?

Was mich wirklich jahrelang begeistert hat, war die klassische dokumentarische Fotografie. Also tatsächlich die Fotograf*innen von der Magnum-Agentur. In Bremen hatten wir zudem auch ein paar Jahre eine Kooperative für Fotografie. Eine deutsch-türkische Arbeitsgemeinschaft, innerhalb der wir zusammen auch Ausstellungen (u.a. in Istanbul) organisierten. Wir haben damals ganz klassische Schwarz-Weiß-Dokumentar-Fotografie gemacht. Das war Ende der 90er Jahre und ich muss sagen: Wenn ich mir jetzt so die Sachen anschaue, dann sind das immer noch wirklich schöne Fotoprojekte.

In jener Zeit habe ich auch gelernt, auf der Straße auf Menschen zuzugehen und so eine ethische Haltung zur Fotografie zu entwickeln. Für uns war es immer ganz wichtig, dass unsere Protagonisten mitmachen. Also das man jetzt nicht ganz heimlich und mit einem langen Tele fotografiert, sondern dass man sich direkt in die Situation hinein begibt, so eine Art mitfühlende Fotografie. Durch das Kunststudium an der HGB Leipzig bin ich dann aber ganz schön weggekommen von dieser klassischen Dokumentarfotografie.

Und ja – es gibt tatsächlich einen Fotografen, der mich schon lange total begeistert: Allen Sekula (1951-2013). Der war Künstler und hat im weiteren Sinne dokumentarische Fotografie gemacht. Ein sehr politischer Mensch. Bei ihm standen die politischen Inhalte seiner Arbeiten sehr stark im Vordergrund. Also was er tatsächlich inhaltlich transportieren wollte und seine künstlerische fotografische Auseinandersetzung damit, das hat mich immer sehr inspiriert.

Heute kann ich gar nicht mehr so sagen, wer mein Vorbild ist. Was mich jedoch immer wieder auf’s Neue berührt ist, dass, wenn jemand es sozusagen fotografisch geschafft hat, Nähe zu den Menschen aufzubauen und ein Stück weit deren Lebensrealität und diese Atmosphäre von Nähe in den Bildern zu transportieren. Da sehe ich auch immer wieder sehr schöne Fotoserien von ganz unbekannten Fotografen und Fotografinnen.

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Betty Pabst bei Studioaufnahmen mit der Tänzerin Miriam Arbach

Du bist eine sehr vielseitige Fotografin und offen für das, was passiert und diejenigen, die du fotografierst. Das finde ich, bringen deine Bilder gut rüber. Du scheinst eine gute Stimmung am Set zu verbreiten …

Ja, das ist mir auch total wichtig: Dass sich die Leute einfach wohl fühlen, wenn ich mit ihnen gemeinsam arbeite. Was ich wiederum nicht so gut kann ist dieses Konfrontative, was ich auch von Kollegen kenne, die halt viel forscher in Situationen reingehen. Wo ich aber auch merke, dass ich das nicht bin und dass das nicht meine Art ist zu fotografieren.

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Solotanz Vladimir Golubchyk, Foto © Betty Pabst 2019

Das Fotografieren im Privaten wird für mich irgendwie nicht langweilig. Mir macht das anhaltend Spaß, da bin ich immer fast wie so ein Kind, das sagt: Oh, das ist aber schön … Wie geht es dir mit der (professionellen) Fotografie?

Ich finde ja, man trotzt der Wirklichkeit so etwas ab. Also man nimmt sich da so einen Moment heraus …. Ich verdiene ja mein Geld zum Teil auch mit anderen Sachen, z.B. mit Seminaren oder grafischen Auftragsarbeiten. Wenn ich jedoch eine Weile keine Fotos mache merke ich, dass mir etwas fehlt. Ja, ich glaube, es ist dieser Eingriff in die Umgebung, in der man lebt und die Tatsache, dass man sich so ein Bild nimmt. In dem Moment, wo das Bild dann als Bild da ist, entwickelt es ja auch ein Eigenleben. Dann ist es nicht mehr einfach nur dieser Ausschnitt, sondern ein Bild, das in einem anderen Kontext auch ganz anders gelesen wird.

Auch mir wird es beim Fotografieren überhaupt nicht langweilig. Ich probiere halt gerne immer wieder neue Sachen aus und lasse mich davon überraschen. Ich liebe schon auch diese Herausforderung, dass ich nicht immer das mache, was ich kenne. Und oftmals sind’s dann auch die Menschen, die ich fotografiere oder die Situationen, die dann eine Herausforderung darstellen.

Zum Beispiel höre ich ganz oft von Menschen: „Oh, ich bin aber nicht fotogen“. Und da versuche ich dann eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohlfühlt und wo es Spaß macht, um auf diesem Wege dem Anderen dann auch eine andere Sicht auf sich selbst zu vermitteln.

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Betty Pabst bei Studioaufnahmen mit der Tänzerin Mona-Bawani Mühlhausen

Gab es Ereignisse oder Begegnungen, wo am Ende für dich überraschende Fotos herausgekommen sind?

Ach naja, also für mich ist das ja immer so eine kleine Überraschung bei den Bildern, was da tatsächlich rauskommt. Aber ja, z.B. bei dem vorbenannten Fotoshooting mit den Tänzer*innen, wo ich mit Lichtspuren gearbeitet habe, da war beim Anschauen hinterher dann so dieses: „Wow, da entsteht noch so was Neues“, das, was ich ja – bis auf das technische Setting – wenig beeinflussen kann.

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Solotanz Mona-Bawani Mühlhausen, Foto © Betty Pabst 2019

Du hast ja seinerzeit (das lag ja in der Natur der technischen Dinge) viele Filme selbst entwickelt …

… ja, das ist auch eine total schöne Arbeit. Die vermisse ich auch ein bisschen, muss ich sagen. Während meines Studiums in Offenbach (erster Teil) und Leipzig habe ich viel im Labor, zum Teil als Einzige, gestanden. Das war so eine schöne, entspannende, handwerkliche Arbeit. Dieses Entstehen von Bildern in dem Entwickler … dieser Geruch … den Zauber hat’s halt nicht mehr, wenn man einfach die Bilder aus der Speicherkarte rüberlädt. Ohne Computer ist es  viel unmittelbarer. Da entsteht was durch diese chemische Reaktion … das habe ich wirklich total gerne gemacht, aber tue das schon seit Jahren nicht mehr. Dafür fehlt mir leider die Zeit.

Was macht dir im Rahmen der Digitalfotografie denn gerade so totalen Spaß?

Ich habe kürzlich Innenräume fotografiert und in dem Zusammenhang mich in die HDR-Fotografie reingefriemelt. Das Grundprinzip hierbei ist, dass man für ein und dasselbe Motiv eine Belichtungsserie macht und dann werden die Bilder zusammengerechnet und man erhält auf die Art ein Foto mit einem sehr großen Kontrastumfang. Da staune ich schon, was mit der richtigen Bearbeitung dann auch bei einem Foto so möglich ist. Freude macht mir zudem Bilder am Computer zusammenzubauen, hier geht es für mich noch einmal mehr ums „Bilder machen“.

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Betty Pabst in der Zusammenarbeit mit dem Choreographen Konstantin Tsakalidis
sowie den Tänzerinnen Mona-Bawani Mühlhausen & Miriam Arbach

Du hast auf deiner Webseite stimmungsvolle Porträtaufnahmen von einer im Schnee tanzenden Flamencotänzerin (PS: deiner Lehrerin) veröffentlicht. Wie ist es denn dazu gekommen?

Das war die Idee der Tänzerin. Sie wollte unbedingt mal Aufnahmen im Schnee machen. Und dann haben wir halt geschaut, wann im Erzgebirge genug Schnee liegt, sind dorthin gefahren und haben beim Fotografieren echt viel Spaß gehabt. Entstanden sind diese nicht gerade das Klischee der Flamenco-Tänzerin bedienenden, interessanten Fotos.

Wenn man fotografisch mit Künstler*innen zusammenarbeitet kommt ja immer auch ganz viel von denen. Das ist es wohl auch, warum ich so gern im Kulturbereich unterwegs bin. Also da habe ich erstmal eine Idee und dann kommt von der anderen Seite eine Idee und in der Folge entsteht dann so etwas Gemeinsames. Und vor der Kamera passiert das ja dann auch nochmal …

Ich empfinde solch ein Zusammentreffen oft wie ein Geschenk, weil: Wo nix ist, kann ich auch nix fotografieren. Das heisst, ich bin ja als Fotografin immer darauf angewiesen, das irgendetwas da ist, woraus ich ein Bild machen kann. Und gerade bei Tänzerinnen und Tänzern gibt’s da eben ganz viel, woraus man Bilder kreieren kann. Das ist wirklich schön …

… und auch spannend, was mit Menschen passiert, die sich in einem bestimmten Kontext befinden, z.B. Tänzer*innen außerhalb von Theaterbühnen …. 

… ja, das ist schon unheimlich inspirierend, wenn man draußen ist. Da ist so ganz viel, worauf du körperlich reagierst bzw. was Impulse bei dir auslöst, sich zu bewegen. Also ich fand das z.B. bei dem Shooting in der Tanz-Zentrale schon sehr spannend, als die Tänzer*innen mit den ihnen gereichten Objekten gespielt haben. Was allein dadurch schon wieder an Neuem entsteht, wenn man ein Objekt einbezieht und sei es nur ein Pappkarton, das ist einfach total herrlich.

 

Solotanz Maria Ladopoulos, Foto © Betty Pabst 2019

Nach diesem ausführlichen Interview mit dir komme ich nun zu meiner letzten Frage: Wann hast du denn das letzte Mal im Regen getanzt?

Das ist schon sehr lange her … Mit Anfang 20 habe ich das öfters gemacht, so mit Freunden. Wenn wir auf Konzerten waren oder auf dem Nachhauseweg und es hat geregnet, dann haben wir einfach getanzt. Ich verbinde damit so ein ganz, ganz schönes Gefühl der Lebendigkeit. Und ich merke gerade irgendwie, das ist mal wieder dran …

… obwohl vor anderthalb Jahren … Da war ich mit meiner Familie auf Hiddensee. Wir lagen mit einem ganz kleinen Boot vor Ort. Es hatte schon den ganzen Tag geregnet, aber irgendwann haben wir uns wasserdicht verpackt und sind raus an den Strand. Da haben wir noch zwei alte Regenschirme gefunden, mit denen wir irgend so einen Quatsch gemacht haben … (lacht) … Also, so was geht mit Kindern ja auch wirklich total gut. Das kann man doch als das letzte Mal im Regen tanzen gelten lassen …

Dieser Tag, wo wir auf Hiddensee im Hafen lagen, ist aber auch mit einem ganz traurigen Anlass verbunden, weil mein Papa, der Krebs im Endstadium hatte, mich im Urlaub angerufen hatte, um mir zu sagen, dass sie jetzt mit der Chemotherapie aufhören würden. Als wir dann im Regen an den Strand gingen hatte ich die Idee, Hiddensee-Sand zu sammeln, weil ich mit meinem Papa auch viel auf dieser Insel gewesen bin und zudem klar war: Er selbst wird nie wieder dorthin kommen. Und so haben wir dann alle eine Dose Strandsand für ihn gesammelt …

In meiner Erinnerung ist jener Tag eine Mischung aus absoluter Leichtigkeit, weil es einerseits so schön mit den Kindern war, am Strand zu tanzen und „rumzuhühnern“ und gleichzeitig in dieser traurigen Lebenssituation zu sein und zu wissen, dass der Tod meines Papas so unmittelbar bevorsteht … Das ist das Leben, zu dem irgendwie auch alles dazu gehört …

Liebe Betty, herzlichen Dank für diese sehr besonderen Einblicke in dein Leben.

Inspiriert von Betty’s Geschichte habe ich nachfolgend noch einige interessante Links für euch zusammengestellt:

Betty Pabst:
homepage

Flamenco-Tanz in Leipzig:
Varadanza

Market Theatre Johannesburg:
homepage

Market Photo Workshop:
homepage

David Goldblatt:
Goodman-Gallery

Magnum-Agentur
Fotos

Allan Sekula
Infos auf Monoskop

web-links zu den porträtierten 
Tänzer*innen:
Johanna Uhle (LTT-Company)
Vladimir Golubchyk
Miriam Arbach (homepage)
Mona-Bawani Mühlhausen (homepage)
Maria Ladopoulos

Tanz-Zentrale Leipzig:
homepage

Buchtipp:
”Choreographie – Handwerk und Vision”
von Konstantin Tsakalidis, 
erscheint 2019 in 4. Auflage und 
erstmalig auf Englisch





 

 

 

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