Lust am Text: „Kreatur“ im Berliner Radialsystem V

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Als in den Vormittagsstunden des 4. Juli 2017 der webinale Vorverkauf für die zweite Vorführungs-Serie der Sasha Waltz Choreographie „Kreatur“ (Trailer) startete, ging es nach Aussage eines in der Hauptstadt ansässigen Freundes recht hektisch zu und man musste wirklich flink sein, um eine der heiß begehrten Karten für die Aufführungen im Dezember zu erhalten. Innerhalb einer knappen Stunde waren die Ticket-Messen für die 6 Abende weitestgehend gelesen. Dank des Berliner „Engagementisten“ durfte ich mich jedoch zu den Glücklichen zählen und so stand dem gestrigen, zeitgenössischen Tanzabend im direkt an der Spree gelegenen Radialsystem V nichts mehr entgegen.

Mit dem Besuch der Vorstellung betrat ich nicht nur erstmalig die „heiligen“ Tanzhallen am Spreeufer, sondern auch erstmals eine der choreographischen Welten von Sasha Waltz, die für „Kreatur“ mit der Modedesignerin Iris van Herpen, dem Lichtdesigner Urs Schönebaum sowie dem Soundwalk Collective zusammengearbeitet hat.

Den thematischen Rahmen bildete die Erforschung von Daseins-Zuständen des Menschen vor dem aktuellen Hintergrund einer zerrissenen Gesellschaft, deren multiple Essenzen 14 Tänzer*innen der international besetzten Company „Sasha Waltz & Guests“ in ergreifender Art und Weise zum Ausdruck brachten. Wie das im Verlaufe der Performance geschah erzeugte Gebanntheit und Schaudern, ging regelrecht unter die Haut oder besser gesagt: An die eigene körperliche Substanz.

Der hineinziehende Sog entwickelte sich sukzessive: Wirkte der Erkundungsbeginn der Lebenswelten – aufgrund der wie in einem schützenden Kokon lautlos auf und über die Bühne gleitenden Tänzer*innen – noch zaghaft, sanft, federleicht und neugierig, so zog in der programmatischen Folge ein fortlaufender Kampf ungeschönt seine Runden: Sei es beim Ringen um soziale und gesellschaftliche Positionen, bei der Abwägung des Verbleibs im kollektiven Strom contra individueller Flucht mit all ihren Konsequenzen, beim Anbeginn- und Entladen von (sexuellen Bindungs)Energien, beim im Daseins-Joch verharren … Selbst im Angesicht des letzten Atemzugs wich das Kämpferische, Aufbegehrende nicht von der Kreaturen-Seite …

Als Zuschauer erhielt man permanent Angebote, sich mit den eigenen augenblicklichen Fragen und Zuständen, dem existenzielle Wechselspiel von Klarheit und Nebel, Weisheit und Verwirrung auseinander zu setzen. Für die Großartigkeit des Menschseins bleibt an diesem Abend wenig Raum. „Lichtfenster“, in denen nicht nur die Tänzer*innen, sondern auch man Selbst Zeit für ein pflegsames Ausruhen, Innehalten, Genießen und Fließen hat, sind von kurzer Dauer. Wohligkeit erzeugende, weiche Bewegungen unterliegen der Dominanz technogen wirkender, muskulär untermauerter und bisweilen surreal erscheinender Bewegungssequenzen. Manchmal geht es bis an die Grenze des Erträglichen, es scheint als würden die Bühnenakteure in Verbindung mit uns als Zuschauer die persönlichen Grenzen erweitern, um gemeinsam einen Blick auf das zu werfen, was wir sind: Kreaturen, die Schöpfung und Zerstörung gleichsam in sich tragen und die, jede für sich, die Fragen nach dem DaseinsSinn zu klären hat.

Beeindruckend für mich war die unglaubliche Körperlichkeit der Tänzer*innen, ihre dauerhaft wirksame Ausstrahlung, ihr höchst individuelles Bewegungsrepertoire, aber auch ihre spürbare und konzentrierte Hingabe an den getanzten Moment. Durch jeden Einzelnen wurde sie sichtbar gemacht – die exstatische Zerbrechlichkeit der Kreatur Mensch. Das Ensemble entwickelte eine Bühnenpräsenz von elementarer Wucht, die nicht unverhallt am eigenen Leib blieb:

Nach dem Erlöschen des Bühnenlichts und der Wiederbeleuchtung des bis dahin nahezu durchgehend lautlosen Publikums bin ich noch nicht ganz von dieser Welt, fühle mich in einer Art Trance. Die Wucht des Stückes hat mich regelrecht in den Stuhl „niedergewalzt“, ich brauche einen Moment, um wieder den eigenen Kraftpunkt im System zu finden und die beginnende Ovation tatkräftig zu unterstützen.

Ich empfand ein Stück weit Erlösung, als die gezeichneten Tänzer*innen die Bühne betreten und den lang anhalten, umjubelten Applaus in Empfang nehmen. Ich blickte in ihre so vielgestaltigen Gesichter und verspürte – neben all der körperlichen Mattheit – zugleich Freude für diese eindrückliche Darstellung der Versus-Welten unserer Existenz. Das Tanzstück ist wahrlich kein Singsang, wartet aber mit versöhnlichen Momenten auf. Wie fasste doch gleich eine ebenfalls ergriffene Freundin die erlebte Inszenierung zusammen? „Diese Themen müssen mit einer solchen Intensität gezeigt werden, anders funktioniert das doch nicht.“

Leider zeigen, wie eingangs erwähnt, die Ticketshops für die noch ausstehenden Dezembertermine in Berlin (am 22.12.2017 sowie vom 27. bis 29.12.2017) ein „ausverkauft“ an, gegebenenfalls gibt es noch Restkarten an der Abendkasse. Laut dem aktuellen Aufführungsplan wird die Company mit „Kreatur“ im Januar bzw. Februar nächsten Jahres in Dijon (Frankreich) und Brüssel (Belgien) zu Gast sein.

Ein stückbezogenes Wiedersehen in Deutschland wird es auf der in Essen stattfindenden Tanzplattform 2018 geben, wohin „Kreatur“ als bemerkenswerte zeitgenössische Produktion eingeladen wurde. Die Choreographie wird im Rahmen des Tanzfestivals am 15. März 2018 um 20.00 Uhr gezeigt, Aufführungsort ist das städtische Aalto Theater.

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