Unmögliches ist möglich – Das Ballett der Blinden aus São Paulo

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São Paulo ist nicht nur die größte Metropole Brasiliens, sondern hier gibt es zudem die weltweit bisher einzige professionelle Ballettschule für blinde und sehschwache Menschen. Die Geschichte dieses außergewöhnlichen Projekts startete im Jahr 1995. Damals begann die junge Tänzerin und gelernte Physiotherapeutin Fernanda Bianchini nach einer eigens von ihr entwickelten, wegweisenden Lehrmethode und mit nur zwei Handvoll klassischen Balletttänzern zu arbeiten.

Heute wird durch die Trägergesellschaft Associação Fernanda Bianchini Cia Ballet de Cegos (AFB), dem derzeit 13 Tanzlehrer einschließlich der beiden sehschwachen Tänzerinnen Geyza Pereira da Silva und Veronica Batista angehören,  mehr als 200 Schülern (vorrangig Mädchen) verschiedenen Alters kostenlos die Möglichkeit geboten, sich vollends dem Tanzen hinzugeben.

Der für die Haltungs- und Bewegungskorrekturen erforderliche und im Übungsraum von Balletttänzern üblicherweise montierte Glasspiegel ist für die Eleven des Ballet de Cegos nicht von Bedeutung. Vielmehr lernen sie durch Berührungen und Worte in Zusammenarbeit mit einem Co-Partner. Das geschieht beispielsweise, in dem ein/e sehende/r Tänzer/in bzw. Tanzlehrer/in sich unmittelbar vor sie positioniert und im engen Kontakt zueinander die zu erlernende Bewegung mitsamt verbaler Erläuterung vollzieht. Gleichzeitig wird der nichtsehenden Ballerina die Möglichkeit gegeben, die anvisierte Bewegung durch Tasten und Hören nachzuempfinden. Durch die Wiederholung der Bewegungen verfestigt sich nicht nur der tänzerische Ablauf im Vorstellungsvermögen der blinden TänzerInnen, sondern es verbessern sich auch die sensitive Wahrnehmung für das eigene körperliche Gesamtgefüge und der Gleichgewichtssinn.

„Am Anfang sind die Drehungen am schwierigsten, weil eine sehende Ballerina sich auf einen Punkt in der Umgebung fixiert“ erläutert Primaballerina Geyza Pereira da Silva in einem Video. „Sie nimmt jemanden als Fixpunkt, das können blinde Menschen nicht.“ Zudem sei es wichtig zu hören, wo im Raum bzw. auf der Bühne sich die Mittanzenden gerade befinden. Auch das wird regelmäßig trainiert und vervollkommnet. Neben der klassischen Ausbildung sind u.a. Pilates und Physiotherapie-Übungen Teil der Bewegungsaktivitäten, die dazu beitragen, die Gesundheit und das Wohlbefinden der jungen BalletttänzerInnen zu fördern.

Die Arbeit des engagierten Teams rund um Fernanda Bianchini bietet den Kindern und Jugendlichen vielfältige Erfahrungsräume. Über die Entwicklung des Körpers und der motorischen Fähigkeiten hinaus liegt es ihnen am Herzen, die Auszubildenden zu motivieren, ihren Traum zu leben und sie dabei zu begleiten, wenn es um die Stärkung ihres Selbstwertgefühls geht. Das Erleben eines befreienden Daseins in der (Tanz-)Gesellschaft, das Schließen von Freundschaften, das Staunen sowie die Freude über die eigenen Fortschritte und das unmöglich Mögliche – all das beflügelt die jungen TänzerInnen regelrecht.

Die Mission des AFB sowie die professionelle Integrationsarbeit der Tanzlehrer wurden bereits mit Dutzenden von Auszeichnungen gewürdigt. Zudem findet die Ballettkompanie für Blinde in vielen Ländern der Welt Unterstützung und Aufmerksamkeit. Das Ensemble begeisterte bisher nicht nur bei Auftritten in den Bundesstaaten Brasiliens, sondern auch im Rahmen verschiedener Tanzfestivals außerhalb des Landes – sei es in den USA oder bei Events in Europa, wie bei der Abschlussveranstaltung der Paraolympics 2012 in London oder beim Internationalen Tanzfestival „Farben des Tanzes“ 2016 in Hagen.

Die inklusive Tanzarbeit in Vila Mariana, der Süd-Zone von São Paulo, entwickelt sich anhaltend weiter. So ist geplant, in Zukunft auch klassisches Ballett mit dem Rollstuhl und zeitgenössischen Tanz für Menschen mit Behinderungen anzubieten.

Das Ballet de Cegos ist eine gemeinnützige Organisation, die durch Spenden unterstützt werden kann. Wer sich für den Tanz vor Ort bzw. die begleitende Dokumentation darüber interessiert, dem sei der Trailer zu „Looking at the stars“ mit dem Zugang zu weiteren Ensemble-Videos (OmU mit englischen Untertiteln) empfohlen.

Abschließend noch dies: Meine Netz-Recherche zu dieser ganz besonderen Ballettkompanie wurden durch den erzählerischen Artikel „Die blinden Schwäne“ von Florian Leu, erschienen im Magazin „Reportagen“ (Ausgabe #34 / Mai 2017), angeregt und in den Schreibfluss gebracht.

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